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Was wir aus Lawinenunfällen lernen können

Die tragischen Lawinenunfälle am Vilan und in den übrigen Gebieten der Schweiz erschüttern. Und wie immer in solchen Situationen füllen sich die Leserkommentarspalten im Nu. Ob die Unfälle hätten vermieden werden können ist aus der Distanz schwer einzuschätzen. Darüber zu urteilen fehl am Platz. Vielmehr sollte versucht werden, aus den Ereignissen zu lernen. Es ist der einzige positive Aspekt dieser tragischen Unfälle.

 

Es liegt ein schwarzes Lawinenwochenende hinter uns. Am Vilan oberhalb Seewis im Prättigau hat eine Lawine 8 Tourengänger verschüttet, 5 davon starben in den Schneemassen oder später im Spital. Weitere Lawinenabgänge in der Ostschweiz und dem Berner Oberland hatten ebenfalls tödliche Folgen. Der diesjährige verkorskste Winter sorgt nicht nur bei Skitourengägern für Nasenrümpfen, er bringt auch einen besonderns ungünstigen Schneedeckenaufbau mit sich.

Wie so oft nach Lawinenunfällen füllen sich auf Online-Seiten die Leserkommentarspalten, jeder scheint nun plötzlich ein Lawinenexperte zu sein. Ich gehe erst gar nicht auf die vielen Kommentare ein. Sie sind grösstenteils deplaziert, kontraproduktiv und pietätlos. Ich Nachhinein ist man immer schlauer, und wer kein Mitleid hat, soll das doch bitte für sich behalten.

 

Learnings anstelle Besserwissertum

Rüdiger Flothmann, Lawinenausbildungsexperte und Autor von Ich-liebe-Berge.ch hat da einen anderen Weg gewählt und sich die Mühe genommen, die einzelnen Ereignisse sachlich zu analysieren. In seinem Blog-Eintrag hat er einige Gedanken zu den Unfällen vom Wochenende in Worte gefasst. Sachlich, und mit dem nötigen Respekt. Ein Blick auf die Hänge, an denen die Lawinen niedergegangen sind, lohnt sich dabei allemal. Sind die Ereignisse noch so tragisch, so sind sie immerhin die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen. Dies sollte der Ansatz sein. (Hoffentlich) Niemand von uns war an den besagten Unfällen vor Ort. Eine Beurteilung über Richtig oder Falsch erübrigt sich somit ohnehin.

 

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Theorie auf die Praxis übertragen

Bei der Tourengruppe am Vilan handelte es sich um eine SAC-Sektionstour. Selbstredend verfügte der Tourenleiter nach Angaben des Sektionspräsidenten über entsprechende Erfahrung. Man kann folglich davon ausgehen, dass auch die übrigen Tourengänger ausgebildet, und sich der delikaten Situation bewusst waren. Aufgrund der Faktenlage ist nicht davon auszugehen, dass mangelndes Wissen zum Unglück führten. Die Normalroute auf den Vilan entlang dem Südostgrat erscheint bei geschickter Routenwahl auch bei SLF „erheblich“ vertretbar.

Jeder von uns kennt den Ablauf einer seriösen Tourenplanung. Studieren der Karte, festlegen des Routenverlaufs, Identifizieren sämtlicher Gefahrenstellen. All dies funkioniert in der Theorie bestens, Abläufe im Falle eines Falles werden x-fach durchgespielt, und doch ist die Situation vor Ort im Gelände (vgl. 3X3 von Munter) vielfach eine andere. Hier ist die Situation vielleicht nicht mehr so eindeutig, muss unter Umständen neu beurteilt werden. Hier braucht es auch mal den Mut, umzukehren, nur den Vorgipfel zu besteigen oder einen Hang auszulassen. Jede noch so einstudierte Theorie nützt nichts, wenn sie nicht auf die Situation im Gelände adaptiert werden. Hier liegt möglicherweise noch Potential, ganz generell und unabhängig von den Ereignissen des Wochenendes. Jede richtig gemessene Hangneigung, jede sauber gekennzeichnte Gefahrenstelle im Vorhinein bringt nichts, wenn sie nicht ins Gelände übertragen wird.

 

Pauschalisierungen fehl am Platz

Es sollte das Ziel sein, aus den Fehlern anderer zu lernen. Seien sie auch noch so tragisch, das ist das Einzige, was in der Situation weiterhilft. Pauschale Anschuldigungen helfen da wenig weiter.

 

 

Kartenausschnitt inkl. Hangneigungs-Layer (alles über 30° Neigung) vom Vilan. Eine Beurteilung aus der Ferne zum Unfallhergang erübrigt sich selbstredend. Die Fakten zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen kann aber Menschenleben retten.

 

 

 

Hier wurde ein Variantenfahrer am Hinterrugg von einem Schneebrett erfasst und in die Tiefe gerissen.

 

 

Interessante Infografik von Tagesanzeiger.ch/Newsnet:

 

 

Untenstehend der Post von Ich-liebe-Berge.ch. User Markus Müller bringt die Situation treffend auf den Punkt, wie ich finde. Was ist Eure Meinung?

 

 

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Profile photo of Manuel Scherrer

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