2000px-Schweizer_Alpen-Club_logo.svg

Suisse Alpine 2020: "Die Gefahr, dass sich ein Alpinist auf sein Smartphone verlässt, besteht natürlich"

Der Schweizer Alpen-Club SAC steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Mit dem Projekt “Suisse Alpine 2020” hat sich der SAC zum Ziel gesetzt, 40’000 Routen zu digitalisieren. Benno Steiner, Projekleiter nimmt Stellung und erklärt, welche Strategie der SAC im Digitalbereich verfolgt, und ob es in Zukunft trotzdem noch gedruckte Führer geben wird.

 

Benno Steiner, “Suisse Alpine 2020” ist ein riesen Projekt. Aus welcher Motivation betreibt der SAC die Absicht, über 40’000 Routen zu digitalisieren?

Der SAC hat sich mit seiner langen Tradition der flächenhaften Routenbeschreibungen ein enormes Know-how erarbeitet. Dieses findet sich heute zwischen zwei Buchdeckeln und ist darum einem breiten Publikum „verborgen“! Dies möchten wir ändern und die vielfältigen Informationen des SAC auch im Web oder digital/elektronisch und damit einem breiteren Publikum zur Verfügung zu stellen. Der Verlag des SAC steht, wie alle Verlage, vor den Herausforderungen der digitalen Welt und muss sich diesen stellen.
Wir haben für die Weiterentwicklung des Projekts sowie der Kommunikation der Daten eine Kooperation mit SchweizMobil aufgegleist. SchweizMobil betreibt seit mehr als 10 Jahren erfolgreich sein Portal und ist nun daran, sein Angebot einerseits weiter hoch in die Berge und andererseits in den Winter zu erweitern. Dafür ist der SAC der geeignete Partner mit einem grossen Knowhow in diesen Gebieten. Ziel ist es, dass der SAC einen Teil seiner Routeninformationen (die frei verfügbaren, vgl. unten) auch über das Portal von SchweizMobil kommunizieren wird. Der Hauptinhalt wird der SAC über sein eigenes Portal kommunzieren (und weiterhin in den Büchern erscheinen).

 

Welche Informationen sollen alle digitalisiert werden? Reine Routenverläufe oder auch Klettertopos mit Schwierigkeitsgraden? Und inwiefern ist es geplant, Informationen aus bestehenden Portalen & Bergsport Communities miteinzubeziehen?

Ziel ist es, sämtliche Informationen einer Route aufzubereiten und in einer zentralen Datenbank abzulegen. Dazu gehören die Beschreibungen, Fotos, Topos, technische Anforderungen (also Schwierigkeitsgrade, Ausgangspunkte, Höhenmeter, Besonderheiten etc.). Diese Daten sollen so aufbereitet werden, dass daraus einerseits digitale Medien bedient werden können (Online-Portal) aber auch Bücher produziert werden können (also ein Roh-Export der Daten für die Buchproduktion). Die kartografische Darstellung der Routen ist ebenfalls vorgesehen. Bisher wurden die Routen nur im Skitourenbereich auf Karten dargestellt. Der Download von GPS-Tracks wird von den Sicherheitsexperten des SAC als heikel eingestuft und ist deshalb nicht vorgesehen. Aus unserer Sicht gehört zu einer guten Tourenplanung, dass man sich zum Verlauf der Route seine Gedanken macht. Weiter gibt es besonders bei Hochtouren auf Gletschern immer wieder Abschnitte, in denen es gefährlich wäre vollständige Tracks zum Runterladen zur Verfügung zu stellen (Spaltenzonen, Bergschründe etc. müssen je nach Verhältnissen anders begangen werden). Andererseits können Koordinaten von Schlüsselstellen eine sehr nützliche Information für die Nutzer sein.

Die digitale Welt bietet natürlich Möglichkeiten der Vernetzung mit weiterführenden Informationen. Dazu gehören auch die etablierten Portale für die aktuellen Tourenverhältnisse. Der SAC strebt weiterhin an, qualitativ hochstehende und verifizierte Beschreibungen (bezüglich Sicherheit und Naturverträglichkeit) zu erstellen. Dafür werden wir weiterhin mit unseren Autoren zusammenarbeiten.

 

Welche Interaktionen mit dem User sind geplan? Können die Alpinisten Routen zukünftig auch kommentieren und bewerten wie das auf anderen Portalen der Fall ist?

Der SAC wird sich mit der Schaffung eines Onlineportals einem breiteren Publikum öffnen und die Beschreibungen seiner Tourenvielfalt einfacher zugänglich machen. Für die direkte (blogmässige) Interaktion mit den Usern streben wir Zusammenarbeiten mit bestehenden Online-Portalen an. Die bergsportlichen Aktivitäten haben eine touristische Komponente. Deshalb wird eine Mitfinanzierung über das Tourismusförderprogramm Innotour des SECO angestrebt.

 

Der Projektleiter

BennoSteinerBenno Steiner ist Projektleiter von „Suisse Alpine 2020“ und Fachmitarbeiter Umwelt auf der Geschäftsstelle des SAC. Er hat an der Universtität Bern Erdwissenschaften studiert und sich im Bereich Umweltberatung und –kommunikation sowie Projektmanagement weitergebildet. In den Bergen ist er in vielen Disziplinen unterwegs und freut sich, in Zukunft alle relevanten Informationen auf einem Portal zu finden..

   

 

Das Projekt ist auch in finanzieller Hinsicht ein Kraftakt. Wie werden die Kosten von rund 6.6. Mio CHF aufgeteilt? Wieviel trägt der SAC, wieviel wird extern finanziert?

Zu den Kosten ist noch zu erwähnen, dass sich diese zu über der Hälfte aus der Erarbeitung und Einarbeitung der Inhalte für die Datenbank sowie Übersetzungsarbeiten zusammenstellen. Hier steht der SAC vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir werden die Aufarbeitung der Daten aber etappieren und nach und nach auf dem Portal aufschalten. Wie bereits erwähnt streben wir eine Unterstützung des Projekts aus dem Innotour-Fonds des SECO an. Wie üblich beim Bund, lassen sich so maximal 50% der Kosten finanzieren.

 

Der Service wird ja nicht kostenlos sein. Wo wird die Schwelle zwischen gratis und bezahlt sein?

Eine Auswahl von Routen wird frei verfügbar sein. Diese sollen dem Nutzer das Angebot schmackhaft machen. Besonders rund um die SAC-Hütten sollen frei verfügbare Routen zur Verfügung stehen. Die Details hierzu werden z.Z. geklärt. Für die kostenpflichtigen Inhalte ist ein einfaches Abo vorgesehen, Abklärungen zum Preis laufen ebenfalls.

 

Besteht in Zukunft nicht die Gefahr, dass sich Alpinisten nur noch auf ihre digitalen Geräte verlassen, welche ja jederzeit aussteigen können?

Diese Gefahr besteht natürlich, wenn man sich immer mehr auf digitale Geräte verlässt und plötzlich der Akku leer ist. Dafür muss man die Bergsteiger sicher sensibilisieren und immer wieder darauf aufmerksam machen. Unsere Daten sollen aber in geeigneter Form auch ausdruckbar sein, damit man für den Notfall noch die Informationen auf Papier dabei haben kann. Grundsätzlich gilt: Bergsport birgt Risiken, unser Ziel ist daher, die Leute bestmöglich auszubilden. Eine gute Tourenvorbereitung ist das A und O für ein gutes Erlebnis unterwegs.

 

Digitales Routenangebot, W-Lan auf den Hütten, wie weit geht der SAC mit der Digitalisierung?

Wenn man heute am Ball bleiben will, kommt man nicht um die digitale Welt herum. Im Bereich der Tourenplanung bietet aus meiner Sicht die digitale Welt enorme Vorteile dank der vielfältigen Vernetzung und Verknüpfung von Daten; auch das 2013 vom SAC eingeführte Online-Reservationssystem ist für Hüttenwarte und Gäste ein wertvolles Hilfsmittel. Dass auch noch unterwegs alles digital erschlossen sein muss, bin ich auch etwas gespalten. Ich geniesse es sehr, gerade einmal das Telefon in den Rucksack zu stecken und die Natur und Berge in ihrer vollen analogen Schönheit zu geniessen.

 

Teil des Projekts ist das sogenannte Sounding Board. Welche Personen sind darin vertreten?

Im Sounding Board sind engagierte Mitglieder aus 11 Sektionen vertreten. Wir haben Leute gesucht, welche viel draussen unterwegs sind, eine Affinität zur elektronischen Welt haben (d.h. bestehende Portale, Apps etc. nutzen) und interessiert sind, uns Rückmeldungen auf unsere Weiterentwicklungen aus der Benutzersicht zu geben.

 

Sind schon mögliche Folgeprojekte geplant? 

Wir sind aktuell auf das Projekt „Suisse Alpine 2020“ fokussiert und integrieren dieses Projekt in das bestehende Umfeld des SAC. Hier ist z.B. das Hüttenreservationssystem zu nennen, welches sich ideal in die Beschreibungen in „Suisse Alpine 2020“ integrieren lässt. Wir halten aber natürlich die Augen offen für weitere Entwicklungen.

 

Die Digitalisierung wird also in allen Bereichen vorangetrieben. Soll dieses Angebot mittel- bis langfristig das analoge Angebot aus dem SAC-Verlag ersetzen?

Grundsätzlich werden auch mittel- bis langfristig weiterhin Bücher produziert. Es ist aber ein erklärtes Ziel des Projekts, dass man gewisse Titel nicht mehr in Buchform publizieren wird, sondern deren Inhalte nur noch digital verfügbar sein werden. Es ist aber ein strategischer Entscheid des SAC weiterhin die bergsportlichen Aktivitäten flächenhaft zu beschreiben. Die umfassende und standardisierte Aufarbeitung der Routeninformationen in einer zentralen Datenbank ermöglicht aber auch neue Möglichkeiten in der Buchproduktion. So können individuellere Produkte erstellt werden. Als Vision ist auch schon ein individuelles Tourenbuch genannt worden, das der Nutzer selber zusammenstellen und bestellen könnte.

 

Was ist deine Meinung? Brauchts das SAC-Routenangebot auch digital? Schreibe uns deinen Kommentar.

 

Projekt „Suisse Alpine 2020“: Gewaltige Herausforderung für den SAC

Mit dem Projekt „Suisse Alpine 2020“ will der SAC über 40’000 Routen digital erfassen. Bestehende Routenbeschreibungen und Führerliteratur sollen etappenweise digitalisiert und so einfacher und schneller verbreitet werden. Der SAC entspricht so den veränderten Bedürfnissen der Alpinisten und vernetzt so sämtliche Elemente der Tourenplanung digital. Die Projektkosten werden auf rund 6.6 Mio CHF geschätzt, eine Teilfinanzierung über Innotour wird angestrebt. Erste Toureninformationen sollen nach aktuellem Planungsstand ab 2017 online verfügbar sein.

   
Profile photo of Manuel Scherrer

Leave a reply

Springe zur Werkzeugleiste