Künstliche Beschneiung am Oberalppass Bild: Rolf Hangartner

Studie: Der gekaufte Winter?

Der Winter liess auch diesen Herbst lange auf sich warten, und nach einem kurzen Winter­einbruch herrschen für die Jahreszeit bereits wieder relativ hohe Temperaturen. In höheren Lagen liegt bis jetzt nur wenig Schnee – dafür laufen die Schneekanonen auf Hochtouren. Eine Studie von mountain wilderness zeigt erstmals das beträchtliche Ausmass und die Auswirkungen der künstlichen Beschneiung in der Schweiz.

 

Landschaftliche Eingriffe

Während noch vor einigen Jahren vor allem der Energie- und Was­serverbrauch der künstlichen Beschneiung im Vordergrund stand, liegt heute der Fokus im­mer stärker auf den teils gravierenden landschaftlichen Eingriffen, die mit der künstlichen Beschneiung verbunden sind. Im Jahr 2015 existieren in der Schweiz bereits mindestens 80 Speicherseen, welche für die künstliche Beschneiung genutzt werden, aktuell befinden sich im Minimum weitere 18 in Planung[1]. Die Speicherseen werden oft in alpinen Lagen gebaut, um danach den durch den Höhenunterschied entstehenden, natürlichen Wasserdruck aus­nutzen zu können. Dies bedingt den Bau eines umfassenden Leitungsnetzes. Für eine mög­lichst effiziente Beschneiung muss der Untergrund zudem so eben wie möglich sein, was oft umfangreiche Erdarbeiten notwendig macht. In alpinen Höhenlagen können Eingriffe kaum je wieder rückgängig gemacht werden – noch unsere Kindeskinder werden die Spuren der aktuellen Bauwut sehen.

 

Wasserverbrauch

Das hochgerechnete Wasservolumen der heute bereits realisierten, in der Befragung erhobenen Seen beträgt 7 Mio. m3. Die erwähnten Speicherseen werden bis zu fünf Mal pro Saison nachgefüllt. Hinzu kommen Wasserentnahmen aus Trinkwasserquellen, Bächen und anderen Quellen. Der tatsächliche Wasserverbrauch für die künstliche Beschnei­ung dürfte aus diesen Gründen um ein Vielfaches höher liegen als das berechnete Volumen der Speicherseen. Wird der Wasserverbrauch für die Beschneiung während des Winters 2013/2014 mit Zahlen des Schweizer Seilbahn-Verbandes[2] und der Literatur[3] berechnet, so wurden 6 bis 13 Mio. m3 Wasser zur künstlichen Beschneiung in Skigebieten verwendet. Dies entspricht etwa dem jährlichen Wasserverbrauch der Stadt Bern. In trockenen Gebieten wie z.B. Crans-Montana (VS) zeichnen sich bereits heute zukünftige Nutzungskonflikte ab.[4]

 

Energieverbrauch

Zwar wurden in den vergangenen Jahren deutlich effizientere Beschnei­ungssysteme entwickelt. Doch der Energieverbrauch für die künstliche Beschneiung ist im­mer noch enorm. Im Winter 2013/2014 wurden allein für die Grundbeschneiung (Unterlage von 30 cm) bis zu 554’000 MWh gebraucht – dies entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von 188’000 Zwei-Personen-Haushalten.

 

Kosten

Pro beschneibaren Pistenkilometer muss mit Investitionskosten von 750’000 bis 1 Mio. CHF und jährlichen Unterhaltskosten zwischen 50’000 und 70’000 CHF gerechnet wer­den[5]. Dabei stellt sich zwingend die Frage nach der Finanzierung. Gemäss aktuellen Studien ist nur jede dritte Bergbahn in der Lage, anstehende grössere Investitionen aus eigenen Reserven zu tätigen[6]. Gemeinden, Kantone und der Bund müssen allzu oft einspringen: So investierte das Skigebiet Gstaad mehrere Male Millionenbeiträge aus der Gemeindekasse. Die Skigebiete Andermatt-Sedrun sowie auch Metsch (Lenk) werden mit grosszügigen Bei­trägen aus dem Fonds der Neuen Regionalpolitik unterstützt – Geld, das durchaus auch in die künstliche Beschneiung investiert wird.

 

Folgerungen

In Anbetracht des Klimawandels und dem prognostizierten Anstieg der Schneefallgrenze wird sich der Trend zur künstlichen Beschneiung weiter intensivieren – die Problematik der künstlichen Beschneiung ist aktueller denn je. Der massive und teils sub­ventionierte Ausbau der künstlichen Beschneiung wird aktuell damit gerechtfertigt, dass Bergbahnen eine wichtige regionalwirtschaftliche Funktion haben. Fakt ist jedoch auch, dass diese Investitionen den notwendigen Strukturwandel und damit eine Anpassung an die Her­ausforderungen der Zukunft behindern. Allzu oft werden öffentliche Gelder statt in die Ent­wicklung von tragfähigen und ganzjährigen Tourismuskonzepten in die künstliche Beschnei­ung gesteckt. Damit wird das Problem allerdings nur verschoben – nicht gelöst. Mountain wilderness fordert in Anbetracht dieser Entwicklung ein radikales Umdenken: Künstliche Be­schneiung lediglich an exponierten Stellen, Umstellung auf einen klima- und umweltverträg­licheren Tourismus und keine Subventionierung von künstlicher Beschneiung.

 

 

Der gekaufte Winter: Zahlen, Daten, Fakten zur künstlichen Beschneiung in den Alpen

Während in der Schweiz gemäss den Seilbahnen Schweiz aktuell 42% der Pisten be­schneit werden, sind es in Österreich und Italien schon 70%, in Slowenien gar 75% der Pisten, die künstlich beschneit werden (Stand 2008/2009).

Insgesamt wird in Europa eine Fläche von über 500 km2 beschneit. Diese Berechnung wurde teilweise mit älteren Statistiken erstellt, es ist daher anzunehmen, dass die aktuell beschneite Fläche bedeutend grösser ist. Die Autoren der Studie «Der gekaufte Winter», Sylvia Hamberger und Axel Doering schätzen, dass Ende 2014 im gesamten Alpenraum 700 km2 beschneit wurden. In absehbarer Zeit könnten gemäss der Forsche­rin Carmen de Jong sogar bis zu 1000 km2 Fläche beschneit werden.

Nebst einem gigantischen Stromverbrauch, der bereits demjenigen einer grösseren Stadt mit 500’000 Einwohnern entspricht, sticht vor allem auch der Wasserverbrauch ins Auge. Er beträgt Alpenweit bereits 280 Mio. m3 – was dem dreifachen jährlichen Was­serverbrauch der Millionenstadt München entspricht.

Hamberger, Sylvia und Doering, Axel, 2015: Der gekaufte Winter. Eine Bilanz der künst­lichen Beschneiung in den Alpen. Verfügbar auf www.goef.de/kunstschnee

   

 

Verweise:

[1] Die Arbeit «Künstliche Beschneiung in der Schweiz – Ausmass und Auswirkungen» von Gabriela Iseli ist auf der Homepage von mountain wilderness verfügbar (http://bit.ly/1SIxYTj).
[2] Seilbahnen Schweiz SBS, 2014. Fakten & Zahlen zur Schweizer Seilbahnbranche. Ausgabe 2014. Bern.
[3] Teich, M., Lardelli, C., Bebi, P., Kytzia, S., Pohl, M, Pütz, M., Rixen, C. 2007. Klimawandel und Wintertourismus: ökonomische und ökologische Auswirkungen von technischer Beschneiung. Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, Birmensdorf.
[4] SNF-Forschungsprojekt Montanaqua, http://www.hydrologie.unibe.ch/projekte/montanaqua.html
[5] Abegg, B. 2012. Natürliche und technische Schneesicherheit in einer wärmeren Zukunft. Forum für Wissen 2012: 29-35.
[6] Vetterli, M. 2015. Gerangel um Gipfel. In: Beobachter 11(2015): pp. 34-41.

 

Passend dazu der Beitrag vom 9.12.15 in 10 vor 10: 

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