Portrait Stephan Siegrist

Vater und Profialpinist - ein schmaler Grat zwischen Risiko & Verantwortung

Als Bergsteiger kämpft Stephan Siegrist mit Minustemperaturen in eisigen Höhen, als Familienvater mit Windelbergen im heimischen Bauernhaus. Ausserdem erzählt er, warum er den Everest langweilig findet, und wozu er eine GmbH gegründet hat.

 

Es ist ein grauer, nasskalter Dienstagabend, irgendwo im Aargauer Mitteland. In einer spartanisch eingerichteten Hotellobby warte ich auf den Schweizer Profi-Alpinist Stephan Siegrist. Wir sind zum Interview verabredet. Meine Anfrage hat er persönlich beantwortet. Auch wenn Stephan Siegrist zu den Stars der Szene gehört, Allüren kennt er keine. Vieles erledigt er selbst und sitzt dabei fast öfters am Bürotisch als in den Bergen, wie er mir später erzählen wird. 

 

Zwischen Gipfelglück und Bürotisch

Mit leichter Verspätung erscheint Siegrist zum Termin. Ein kräftiger Händedruck, gefolgt von einem freundlichen „Salü, ich bin der Steph“. Schnell kommen wir ins Gespräch, eher beiläufig aktiviere ich das Aufnahmegerät. Auf den ersten Blick wirkt Siegrist jünger, als es seine 42 Jahre vermuten lassen. Das blonde Haar ist jugendlich zerzaust, das Gesicht braungebrannt. In seiner Daunenjacke samt Sponsorenaufdruck wirkt er in dieser Hotelobby fehl am Platz. Während des Gesprächs wird schnell klar, sein Umgebung sind steile Wände, hohe Berge und abgelegene Täler. Als einer von drei Profis in der Schweiz kann Stephan Siegrist vom Bergsteigen leben. Einerseits unterstützen ihn Sponsoren mit Material und Fixbeträgen, andererseits hält er Vorträge, und ist an einigen Tagen im Jahr in seinem eigentlichen Beruf als Bergführer unterwegs.

 

Mit 20 fühlte ich mich unsterblich!
Stephan Siegrist rückblickend.
 

 

Seine Leidenschaft für die Berge entdeckte er auf einer Skitour mit 11 Jahren. Ab dann ging alles schnell: mit 20 das erste Mal durch die Eigernordwand, 3 Jahre später diplomierter Bergführer. „Damals fühlte ich mich unsterblich“ erzählt er, und lacht. Es folgen Expeditionen in Indien und Südamerika mit Routen in den höchsten Schwierigkeitsgraden.

 

Stephan Siegrist im Kontakt mit der lokalen Bevölkerung im Kashmir

Stephan Siegrist im Kontakt mit der lokalen Bevölkerung im Kashmir. Foto: Thoms Senf



Unabhängig von den Sponsoren

Anders als seine Konkurrenten aber meidet Siegrist bekannte Gipfel wie den Everest oder den K2 bewusst. Angesprochen auf seinen Nachbar Steck antwortet er diplomatisch: „Ueli betreibt sehr gutes Marketing. Mit Geschwindigkeit und Höhe kann jeder etwas anfangen – mit Schwierigkeit nicht“. Siegrist wählt als Expeditionsziel folglich bewusst weniger prominente Gipfel, die für ihn dafür umso mehr reizen. Zielkonflikte mit Sponsoren sind zum Teil die Folge, gibt er zu. „Weniger bekannte Berge lassen sich auch weniger gut vermarkten“. Dadurch komme es auch mal vor, dass er mal ein Projekt nicht durchführen könne. Dass er von seinen Sponsoren unter Druck gesetzt werde, verneint er aber bestimmt. „Ich entscheide alleine wohin ich gehe, und wo nicht!“ stellt er klar. Sinnbildlich dafür die Reaktion seines Ausrüsters nach einer Expedition am Makalu, bei welcher er aus ge-sundheitlichen Gründen umkehren musste. Dieser habe im Anschluss versichert, das Engagement sei für alle Beteiligten nur sinnvoll wenn er auch lebend zurück kehre. Nur so könne die Zusammenarbeit weiter bestehen.

 

Ich entscheide selbst wohin ich gehe und wo nicht!
Stephan Siegrist über den Druck von Sponsoren und wie er seine Expeditionsziele auswählt.
 

 

Auch wenn Siegrist relativ nüchtern erzählt, sei er eher der emotionale Typ. Und auch wenn sein Beruf nicht gefährlicher sei als Autofahren, so hat auch er schon Freunde in den Bergen verloren. Auf solche Momente angesprochen wirkt er souverän, sein Gesichtsausdruck aber verrät dass sie ihm nahe gehen.

 

Stephan Siegrist bei der Erstbesteigung des Shiepra (5885 M.ü.M.) im indischen Himalaya.

Stephan Siegrist bei der Erstbesteigung des Shiepra (5885 M.ü.M.) im indischen Himalaya. Foto: Thomas Senf

 

Verantwortung gegenüber der Familie

Als einer der wenigen ist Siegrist Profi und Familienvater zugleich. Er ist sich dabei seiner Verantwortung volkommen bewusst. Dabei beschäftigen ihn auch existenzielle Fragen. „Wenn mir etwas zustösst, müsste meine Familie Privatkonkurs anmelden“. Zu diesem Zweck hat er vor einigen Jahren eine GmbH gegründet. Das Risiko, welches er eingehe, sei kalkulierbar, ist er überzeugt. Der Abschied fällt schwer Trotzdem sei er nachdenklicher geworden seit der gemeinsame Sohn Xavier auf der Welt ist. „Mir fällt es unheimlich schwer, Abschied zu nehmen“ gesteht er und sein Gesichtsausdruck wird ernster. Umso intensiver sei die Zeit, die er mit dem kleinen und der Familie verbringe. Als seine Frau Niki mit Sohn Xavier schwanger war, befand sich Siegrist am anderen Ende der Welt in Patagonien.

 

Abschied nehmen fällt mir heute unglaublich schwer!
Stephan Siegrist über sein Verhältnis zu seiner Familie.
 

 

„Nur keinen Seich jetzt!“ schoss es ihm damals durch den Kopf. Einige kritische Fragen musste er sich danach anhören. Ob es denn nicht verantwortungslos sei, auf Berge zu steigen während seine Frau zu Hause ihr gemeinsames Kind erwarte. Auf solche Fragen entgegnet Siegrist entschlossen: „Ich habe mir nach der Geburt 8 Monate Zeit genommen und während dieser Zeit voll und ganz für den Kleinen da zu sein.“ Das könne nicht jeder Vater von sich behaupten.

 

Stephan Siegrist auf den letzten Metern vor dem Kishtwar Shivling Ostgipfel.

Stephan Siegrist auf den letzten Metern vor dem Kishtwar Shivling Ostgipfel. Foto: Thomas Senf

 

Hohe Ansprüche an Moral und Ethik

In diesen Momenten spricht Siegrist ruhig und gelassen. Es sind keine Floskeln, die er auswendig gelernt von sich gibt. Während des Gesprächs ist er stets aufmerksam und schaut seinem Gegenüber direkt in die Augen. Und in diesen ist genau zu lesen wie ernst er meint, was er sagt. Es sind denn auch Themen wie Ethik und Moral, die ihn beschäftigen, gerade am Berg. Angesprochen auf ein Malheur seines Kletterkollegen und Superstar der Branche, David Lama nimmt er beinahe eine väterliche Rolle ein. Er habe ihm damals gesagt: „David, jetzt musst du einfach etwas sagen – du musst dich entschuldigen und sagen, dass es dir leid tut“. David Lama liess sich damals bei einem Projekt von einem Filmteam begleiten, welche unnötig Material am Berg zurückgelassen hatte. Dafür erntete er einige Kritik in der Szene. „David war damals vielleicht einfach zu jung und unerfahren“ resümiert Siegrist. Angesprochen auf die Frage, ob er sich denn vom streitbaren Brausehersteller sponsern lassen würde antwortet er bestimmt: „Nein, ganz sicher nicht! Dazu müsste der Konzern ja seine Philosophie ändern, und das werden sie ganze bestimmt nicht tun!“

 

Ich würde mich niemals von einem Unternehmen wie Red Bull sponsern lassen!
Stephan Siegrist über den Sponsor von Kletterpartner David Lama.
 

 

 

Souverän sowohl im Gespräch als auch am Berg

Im Laufe des Gespräch wird einem klar, Siegrist geht es nicht einfach nur darum, stetig hö-her, schneller und schwieriger zu klettern, sondern auch respektvoll mit der Natur und sei-nem Umfeld umzugehen. Respekt, den er auch seinem Gesprächspartner entgegen bringt. Mal lehnt er zurück und macht Witze, mal beugt er sich nach vorne und hört aufmerksam zu und agiert dabei ebenso souverän wie am Berg.

 

Stephan Siegrist – Ausnahmeathlet mit Tiefgang

Portrait Stephan SiegristStephan Siegrist gehört zur den besten Alpinisten der Welt. Zahlreiche Erstbegehungen in Patagonien und im Kashmir gehen auf sein Konto. Als hervorragender Mixedkletterer meistert er Routen in den höchsten Schwierigkeitsgrade. Er wuchs in Interlaken auf und lebte mit Roger Schäli in einer WG. Heute lebt er mit seiner Familie in Ringgerberg im Berner Oberland. Er ist verheiratet und Vater eines dreijährigen Sohnes.

 

 



 

 

Weitere Informationen:

www.stephan-siegrist.ch 

Hier gibts das Portrait von Stephan Siegrist als PDF

 

Hinweis
Dieser Artikel entstand im Rahmen des Modul „Journalismus“ im Bachelor-Studiengang Kommunikation an der Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ. Das Portrait stammt von Manuel Scherrer, Autor sowie Gründer von alpineblog.ch und Absolvent des Bachelor Studiengangs. Herzlichen Dank an dieser Stelle an Stephan Siegrist für seine Zeit und das Interview.Weiterführende Informationen zum Studiengang sind hier zu finden.

 

 

 

 

Stephan Siegrist im DOK-Film „Die Bergführer“ des Schweizer Fernsehen:

 

Stephan Siegrist auf dem Cerro Standhardt:

 

 

  • Stephan Siegrist auf den letzten Metern vor dem Kishtwar Shivling Ostgipfel.

 

 

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