"Das Klettern wird in der Schweiz viel zu wenig gefördert!"

Barbara Büschlen ist eine Lebefrau durch und durch. Im Interview spricht sie über die Rolle als Frau in einer vermeintlichen Männerdomäne, erklärt wie das Klettern mehr gefördert werden könnte, und warum sie eigentlich immer Skirennfahrerin werden wollte. Ausserdem erzählt sie, warum sie trotz Kletter-Lifestyle den Bürojob schätzt.

 

Barbara Büschlen ist eine aufgestellte, fröhliche 24 Jährige. Sympathisch und frisch von der Leber weg erzählt sie von ihrer noch jungen Karriere, lacht dabei viel, wird aber auch schnell wieder nachdenklich. An einem kalten und verregneten Abend steht sie uns Rede und Antwort.

 

Barbara, du bist in einer Kletterfamilie aufgewachsen, wolltest aber eigentlich immer Skirennfahrerin werden. Warum bist du trotzdem beim Klettern gelandet? 

(Studiert) Das ist eine längere Geschichte. Also ich habe ja eigentlich eher spät – so mit 12 Jahren – mit dem Klettern begonnen. Skirennfahrerin zu werden war schon immer mein Kindheitstraum. Nun bin ich aber happy mich fürs Klettern entschieden zu haben.

 

Wie kam es dazu? 

Das ist eine lustige Geschichte (lacht). Ich kann mich noch genau dran erinnern: Ich habe bereits bei meinem ersten Wettkampf überraschend gewonnen, und sollte relativ bald ins Regiokader aufgenommen werden. Das kam für mich aber nicht in Frage. Eines Tages kam dann das Telefon mit dem Aufgebot für die Nationalmannschaft. Mein Vater hat dazumal das Telefon entgegen genommen.

 

Wie hast du reagiert? 

Ich wollte eigentlich gar nicht in die Nati – ich wollte ja Skirennfahrerin werden. Ich habe aber unter der Bedingung zugestimmt, von Oktober bis April nicht zu Klettern – zum Erstaunen aller wurde das akzeptiert. So konnte ich im Winter Skifahren, und über den Sommer klettern. Das ging dann eine Zeit lang ganz gut so, schlussendlich habe ich aber festgestellt, dass mir das Klettern und das Lebensgefühl, welches damit verbunden ist viel mehr entspricht als das Skifahren.

 

Du hast dann bis 20 Wettkämpfe bestritten, bist dann aber dann an den Fels „zurückgekehrt“. 

Ja genau. Ich habe sowieso draussen mit dem Klettern begonnen, das gefiel mir ohnehin besser als das Klettern in der Halle. Ich habe dann 2 Jahre als Profi gelebt und konnte mich in dieser Zeit voll auf das Klettern konzentrieren und habe meinen Traum gelebt – eine tolle Zeit!

 

Trotzdem arbeitest du seit einiger Zeit wieder in einem Teilzeitpensum auf der Bank. Hast du das Büro vermisst? 

Nein, das nicht. Aber ein Tapetenwechsel zwischendurch tut gut. Ich möchte jetzt nicht 100% im Büro arbeiten, aber der Mix stimmt so super für mich. Ich habe so eine Struktur, einen fixen Tagesablauf, und es nimmt mir auch etwas den Druck und die Unsicherheit, welcher du ausgesetzt bist, wenn du voll auf die Karte Klettern setzt. Und an kalten, verregneten Tagen im warmen Büro zu sitzen ist auch nicht so schlecht! (lacht).

 

Eisklettern als eigentlicher Nischensport des Kletterns wird 2022 möglicherweise olympisch, das sagt doch schon alles!

Barbara Büschlen über den Stellenwert des Klettersports

 

Müsste das Klettern in der Schweiz mehr gefördert werden? 

Absolut! Das wäre bitter, bitter nötig! In meiner Zeit, als ich noch Wettkämpfe geklettert bin, da gabs an den Anlässen kaum Zuschauer und kein Rahmenprogramm! Dabei hätte das Klettern so viel Potential. Meiner Meinung nach müssten alle Verantwortlichen, d.h. die Verbände, die Ausrüster, Veranstalter usw. zusammenrücken und etwas gemeinsames auf die Beine stellen um die Anlässe und somit auch das Klettern attraktiver zu gestalten. Ich meine schauen wir uns das Eisklettern an: Da ist echt was gegangen in den letzten Jahren. Nun wird Eisklettern im Jahre 2022 womöglich olympisch. Dabei ist Eisklettern ja selbst innerhalb des Kletterns eine Nische. Das es jetzt möglicherweise vor dem Klettern olympisch wird, sagt doch eigentlich schon alles.

 

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Alpinistische Allrounderin

Barbara Büschlen liebt die Abwechslung. Sie der Mix zwischen Job und Fels, Eis und Schnee, Finken oder Skis. Im Sommer klettert und bouldert sie leidenschaftlich, im Winter ist sie oft auf Skitour oder beim Eisklettern anzutreffen. Am liebsten mag die sympathische Berner Oberländerin aber das alpine Sportklettern.

   

 

Dein Freund klettert nun auch seit zwei Jahren, jedoch nicht den gleichen Schwierigkeitsgrad nehme ich an. Gibts da keine Reibereien? 

Ja hoffentlich klettert er nach 2 Jahren nicht schon ein 8a, sonst hätte ich meine Kletterfinken wohl in die Ecke geschmissen und hätte etwas anderes gemacht (lacht). Nein im Ernst: Das ist kein Problem – ganz im Gegenteil. Das finde ich ja das Schöne am Klettern. Er klettert in seiner Route am Limit, ich in meiner, und trotzdem können wir gemeinsam unterwegs sein und uns gegenseitig sichern. So ist er jeweils auch bei meinen Projekten dabei, was ich sehr schätze.

 

Du bist eine alpinistische Allrounderin, hast du trotzdem eine Lieblingsdisziplin?

Das ist schwer zu beantworten (überlegt). Also eigentlich mache ich ja alles gern. Trotzdem dass ich mit dem Skirennfahren aufgehört habe liebe ich das Skifahren, bin im Winter sehr gerne auf Skitour. Wenn ich etwas wählen müsste, dann schon das Sportklettern und Alpin Klettern.

 

Nie überlegt, Bergführerin zu werden? 

Doch, oft sogar. Das werde ich auch oft gefragt. In der Tat wäre die Ausbildung zur Bergführerin eine tolle Chance für mich. Nur weiss ich nicht ob ich der Typ dafür bin. Ich wäre wohl viel zu ungeduldig und das wäre mit diesem Beruf nicht so gut vereinbar. Aber vielleicht verändert sich das noch, und es wird später möglicherweise eine Option.

 

Der Spitzensport im Klettern ist von Aussen betrachtet eine Männerdomäne. Muskulöse Jungs, teils archaisch wirkend, dominieren das Bild. Teilst du diese Einschätzung? Wie findet man sich zurecht als Frau unter Männern.

Lustig, ich nehme das überhaupt nicht so wahr. Ich unterscheide eigentlich auch nicht gross, mit wem ich unterwegs bin. Ich denke für Männer wäre diese Frage wohl viel schwieriger zu beantworten. Denn aus meiner Erfahrung fällt es Männern einiges schwerer, nicht die Stärkeren zu sein. Es ist klar, an der absoluten Spitze ist die Anzahl Frauen, die mit den Männern mithalten können, noch gering. Aber da wird in jedem Sport unterschieden, nicht nur beim Klettern. Männer klettern teils athletischere Routen, Frauen bringen dafür oft die bessere Technik mit. Logischerweise orientiere ich mich aber an den anderen Frauen.

 

Wagen wir einen kleinen Ausblick – was wird mit dem Sportklettern sein wenn du mal eine Familie hast? Stephan Siegrist ist nach 9 Monaten wieder auf die nächste Expedition gegangen. 

Das ist eine gute Frage. Ich denke für Frauen ist das schon einiges einschneidender als für Männer. Meiner Meinung nach lässt sich Sportklettern und Familie gut vereinbaren, gleichzeitig möchte ich dann aber auch meine Rolle als Mutter ausfüllen, wenn es so weit ist. Und da hat man möglicherweise als Mutter nur schon aus biologischer Sicht eine viel engere Bindung. Aber das sehe ich dann wenn es soweit ist.

 

Zu guter Letzt, was ist dein nächstes Projekt?

Da möchte ich nicht zuviel verraten. Nur so viel: Ich habe ein Projekt in Chamonix geplant. (schmunzelt).

 

Zur Person:

Barbara Büschlen gehört zu den besten Kletterinnen der Schweiz. Die Berner Oberländerin, die eigentlich Skirennfahrerin werden wollte Klettert Routen bis zum Schwierigkeitsgrad 8b. Sie lebt in Steffisburg und arbeitet nebst dem Klettern Teilzeit auf einer Bank.

   

 

 

 

 

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