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Alpines Klettern an den Scherenspitzen

Die südausgerichteten Schrattenkalkfelsen am Stoss oberhalb Unterwasser im Alpstein sind bekannt für ihre scharfkantigen Griffe und perfekte Absicherung. Entsprechend beliebt sind sie bei Familien und Plaisirkletterer. Wer bereit ist, einige Meter und Minuten weiterzuwandern, findet an den Scherenspitzen alpine Kletterei mit fantastischer Aussicht. 

 

Gemütlich schlängelt sich die Strasse von Unterwasser durch die Voralpenidylle des Toggenburgs Richtung Alp Laui. Ein weiterer warmer Klettertag steht an, der x-te in diesem Herbst, der – so scheint es – einfach nicht enden mag. Uns solls recht sein. Wir sind unterwegs Richtung Klettergebiet Stoss. Doch nicht der populäre Klettergarten ist unser Ziel, vielmehr eine alpine Tour zum Saisonschluss soll es werden. Im Kletterführer Alpstein haben wir etwas oberhalb des Klettergartens ein paar alpine Routen auf die Scherenspitzen entdeckt. Nicht allzuoft begangen, trotzdem einigermassen gut dokumentiert, moderate Schwierigkeitsgrade, spärliche Absicherung. Perfekt, um das Legen von Keilen und Friends in sicherem Rahmen zu üben.

 

Der Aufstieg von der Alp Laui Richtung Klettergarten und weiter zur Alp Schrenit gestaltet sich kurzweilig. Ein grosser Teil könnte auch mit dem Bike zurück gelegt werden. Dies kostet im Aufstieg zwar einige Schweissperlen, verkürzt die Abfahrt aber um ein vielfaches und schont die Knie nach einem langen Klettertag. Im Klettergarten Stoss tummeln sich bereits die ersten Kletterer, während wir dem gut sichtbaren Pfad Richtung Alp Schrenit folgen. An diesem befindet sich ein Bach, der zumindest im Frühling und nach Regenfällen in der Regel Wasser führt. Ein Glücksfall, befindet sich doch bei der Alp Schrenit einige wunderschöne Biwakplätze mit Toller Aussicht auf die von der Alpenfaltung geprägten Gipfel wie bspw. der Wildhauser Schafberg.

 

Traditionsreiche Route

Von der Alp Schrenit geht zum Schluss in weglosem Gelände eine steile Grasrampe Richtung Einstieg, die ersten Schweissperlen tropfen. Das Startgelände bietet wenig aber genug Platz, die Route ist einfach zu finden. Wir wählen die direkte Linie durch die Südwand. Eine geschichtsträchtige Route, wurde sie doch 1937 erstbegangen. Davon zeugen später einige rostige Schlaghacken die mittlerweile ebensogut getarnt sind wie die Gämsen, die sich am gegenüberliegenden Hang tummeln.

 

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Blick von de Alp Schrenit Richtung Scherenspitzen. Foto hikr.org/Sherpa

 

Alpines Ambiente

Die Südwandroute bewegt sich in moderaten Schwierigkeitsgraden. Sie ist im Alpsteinführer als eine 4c bewertet. Andere Bewertungen schlagen eine etwas höhere Schwierigkeit mit 5a vor. Die grössten Schwierigkeiten liegen wohl im Finden der besten Linie sowie in der spärlichen Absicherung. Haken neueren Datums sind eher Mangelware, alte Schlaghaken wie erwähnt gut getarnt. Dies macht die Südwandroute zu einem alpinen aber genussreichen Unterfangen. Friends der Grössen 2 bis 3 (Camalots 1-1.5) sind empfehlenswert bis notwendig. Die Stände sind in der Regel gut zu finden und neu geschraubt, dazwischen können die Abstände durchaus als sportlich bezeichnet werden.

 

Die ersten beiden Seillängen bieten ein gutes Warm-up, wir prüfen Reibung, unsere Form sowie die Stabilität der Griffe. Die Sonne wärmt Wand und Rücken angenehm, ohne dass es zu heiss ist. In Seillänge Drei folgt wohl die Schlüsselstelle in Form eines Quergang mit anschliessender Querung auf einer geneigten Platte sowie einer kurzen Verschneidung als Unterstützung. Wir tasten uns in den Quergang, im zweiten Versuch funktioniert der Aufschwung aber bestens. Auch wenn der Fels in der Regel kompakt und griffig ist, so ist es doch eine alpine Route und wir prüfen Griffe wie Tritte vor der Belastung sorgfältig. In der vierten Seillänge folgt eine tolle Verschneidung an den letzten Stand, der etwas hinter den Büschen liegt aber trotzdem gut erreicht werden kann. In der letzten Seillänge erreicht man über die Rückseite in einfachem Gelände den Gipfel mit fantastischem Panorama in alle Richtungen. Wir können kaum glauben, dass es Anfang November ist und freuen uns beim Blick Richtung Stockberg innerlich schon auf die erste Skitour der Saison.

 

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Routenverlauf Richtung Gipfel. Die spärliche Absicherung sorgt für alpines Ambiente. Bild: Hikr.org/Sherpa

 

Nach einem angenehmen Gipfelaufenthalt machen wir uns ans Abseilen. Der Abseilstand besteht aus diversen Schlingen, Reepschnüren und anderem Beigemüse neueren und älteren Datums. Alles in Allem und in der Summe aber eine vertrauenswürdige Sache. Man seilt zuerst in die Scharte ab und dann über die direkte Südwand ab. Das Abseilen gestaltet sich einfach und übersichtlich. Schwungvoll gelangen wir wieder an den Wandfuss und ziehen ein zufriedenes Fazit: Eine perfekte Tagestour in alpinem Ambiente, kaum weiter als der wesentlich stärker bevölkerte Klettergarten am Stoss.

Als wir uns an den Abstieg machen, kreuzen wir ein Paar mittleren Alters, bepackt mit Kletter- und Biwakmaterial für die bevorstehende Nacht. Recht haben sie!

 

Wildhauser Schafberg

Wunderschöne Aussicht im Abstieg Richtung Wildhauser Schafberg

 

Gipfel

Die Scherenspitzen befinden sich nordwestlich der Alp Schrenit und sind auf der Karte ohne Kotierung, befinden sich auf 1926m zwischen Gamschopf und Schwarzchopf. Man erreicht sie in etwas mehr als 2 Stunden von der Alp Laui.

Route

Die Route ist zwischen 4c und 5a bewertet. Friends der Grössen 2-3 sind empfehlenswert, ebenfalls eine Hand voll Expressen, 50m Halbseile oder 60m Einfachseil. Am Gipfel sind genügend Schlingen und Reepschnüre neueren Datums vorhanden für das Abseilen.

Parkplätze

Parkplätze sind gegen Gebühr genügend vorhanden bei der Alp Laui. An Wochenende im Sommerhalbjahr ebenfalls ein Kiosk in Betrieb. Lauschige Brätelplätze laden zum Grillieren ein.

Übernachtung

Einige schöne Biwakplätze befindet sich bei der Alp Schrenit. Ein Plateau gegen Süden mit viel Sonne und fantastischem Ausblick. Wasser befindet sich je nach Saison und Trockenperiode auf dem Weg zwischen Alp Schrenit und Klettergebiet Stoss.

Literatur

Die Route ist ausreichend dokumentiert im Alpstein Kletterführer von Werner Küng, erhältlich im SAC-Verlag und beim Fachhändler deines Vertrauens.

 

 

 

Hier findest du eine Übersicht mit weiteren Tourentipps:

  • Die blauen Punkte sind Skitourengipfel
  • Die grünen Punkte sind Klettergebiete
  • Die gelben Punkte sind Wanderziele
  • Die roten Punkte sind Hochtouren
  • Die orangen Punkte sind Bouldergebiete

 

 

 

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Profile photo of Manuel Scherrer

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